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Sozialpolitische Studienreihe

Zusammenfassung

Die europäischen Regierungen verfolgen das Ziel, Armut und Ausgrenzung in Europa durch eine gemeinsame Wachstumsstrategie (Europa 2020) zu verringern. Es wird angestrebt, europaweit mindestens 20 Millionen Menschen aus sozialen Gefährdungslagen zu bringen. Für Österreich bedeutet dies eine Reduktion der von Ausgrenzungsgefährdung betroffenen Gruppe um 235.000 Personen.

1,4 MILLIONEN AUSGRENZUNGSGEFÄHRDETE IN ÖSTERREICH

In Österreich sind eine Million Menschen armutsgefährdet. Schwellenwert sind 1.031 Euro verfügbares Haushaltseinkommen pro Monat für Alleinlebende (= Jahreszwölftel, ein Vierzehntel entspricht 884 Euro) plus 309 Euro für jedes Kind und 516 Euro für jeden weiteren Erwachsenen. Ausgrenzungsgefährdung schließt zusätzlich rund 400.000 Personen mit Einkommen über der Gefährdungsschwelle ein. Sie sind erheblich materiell depriviert oder es liegt Erwerbslosigkeit im Haushalt vor. Der aktuelle Bericht folgt damit einer breiteren Armutsdefinition und detaillierteren Darstellung als bisher.

KEINE ZUNAHME VON AUSGRENZUNGSGEFÄHRDUNG IN KRISENZEITEN

Der Kreis der Ausgrenzungsgefährdeten hat sich in Folge der Wirtschaftskrise nicht vergrößert. Betroffen sind 16-17% der Bevölkerung. Die Zahl der Arbeitslosen ist in Österreich weniger stark angestiegen als in anderen Ländern. Einkommensverluste wurden teilweise durch höhere Lohnabschlüsse, die Steuerreform sowie Sozialleistungen kompensiert. Gleichzeitig wurden im Jahr 2009 viele Haushalte durch die minimale Inflation und sinkende Kreditzinsen entlastet.

Die Größe der Europa 2020-Zielgruppe hat sich gegenüber 2008 etwas reduziert, was im Wesentlichen auf einen Rückgang bei erheblicher materieller Deprivation zurückzuführen ist (-32.000 Personen), die bis zum Jahr 2008 deutlich gestiegen war. Auch die Zahl derer, die nur von Armutsgefährdung und keiner anderen Problemlage betroffen waren ging in diesem Zeitraum etwas zurück (-27.000 Personen), während sich die Größe der Gruppe derjenigen, die von zwei oder drei Problembereichen gleichzeitig betroffen sind, nicht verändert hat.

Die EU-Indikatoren können allerdings nicht alle Problemlagen abdecken. Für das Monitoring spezifischer Entwicklungen in Österreich hat Statistik Austria deshalb ein ergänzendes Set aus 17 Indikatoren entwickelt. Diese nationalen Indikatoren berücksichtigen neben EU-SILC auch andere Datenquellen.

MONETÄRE ARMUTSGEFÄHRDUNG NAHEZU UNVERÄNDERT

Die Armutsgefährdungsquote blieb seit 2004 nahezu unverändert bei rund 12-13% der Gesamtbevölkerung. Nach wie vor besonders gefährdet sind Personen ohne österreichische oder EU-Staatsbürgerschaft (31%), alleinlebende Frauen in Pension (26%) sowie Personen in Ein-Eltern-Haushalten (28%). Obwohl die Armutsgefährdungsschwelle auch in Krisenzeiten anstieg, hat sich der Einkommensabstand kaum verändert. Das Medianeinkommen der Armutsgefährdeten liegt um 17% unter der Schwelle, was einer Armutsgefährdungslücke von 177 Euro (Jahreszwölftel) für Alleinlebende entspricht.

ERWERBSARBEIT VERHINDERT ARMUTSGEFÄHRDUNG

Erwerbsarbeit ist der wichtigste Schutz gegen Armutsgefährdung. Wer das ganze Jahr über vollzeiterwerbstätig ist, hat eine Gefährdungsquote von lediglich 4%; hingegen liegt das Risiko ab sechs Monaten Arbeitslosigkeit bereits zehnmal so hoch. Rund 206.000 Personen bleiben trotz Erwerbstätigkeit armutsgefährdet („working poor“). Gegenüber dem Jahr 2004 ist eine Reduktion der Zahl der Betroffenen um ein Viertel festzustellen – Hauptgrund dafür ist die vermehrte Abwanderung von „working poor“ in die Arbeitslosigkeit während des Krisenjahres.

SOZIALLEISTUNGEN REDUZIEREN ARMUTS­GEFÄHRDUNG WESENTLICH

Sozialleistungen spielen eine entscheidende Rolle für die Vermeidung von Armutsgefährdung. Würden keine Pensionen und Sozialleistungen ausbezahlt, blieben 3,6 Millionen Menschen – das entspricht 43% der Bevölkerung – mit ihrem Haushaltseinkommen unter der Gefährdungsschwelle. Andererseits zählen jene, die hauptsächlich von Sozialleistungen leben, zu den am stärksten gefährdeten Gruppen. Die Gefährdungsquote der Sozialleistungsabhängigen hat sich von 44% im Jahr 2004 auf 55% im Jahr 2010 erhöht.

4% VON ERHEBLICHER MATERIELLER DEPRIVATON BETROFFEN

Erhebliche materielle Deprivation nach EU-Definition bedeutet, dass bei einer Liste von neun Merkmalen mindestens vier auf massive Einschränkungen des Lebensstandards hindeuten. Die meisten Betroffenen können sich unerwartete Ausgaben, Nahrungsmittel und ein Auto nicht leisten und haben Rückstände bei regelmäßigen Zahlungen wie Miete oder Energie. Im Jahr 2010 waren 355.000 Personen bzw. 4% der Gesamtbevölkerung betroffen. Die Quote war im Jahr 2008 auf über 6% angestiegen, ist aber seither rückläufig. Knapp die Hälfte der deprivierten Personen sind nicht armutsgefährdet, dafür verstärkt mit Überschuldung oder gesundheitlichen Einschränkungen konfrontiert.

8% IN HAUSHALTEN MIT (NAHEZU) ERWERBSLOSIGKEIT

Die Europa 2020-Zieldefinition berücksichtigt 0- bis 59-Jährige in (nahezu) Erwerbslosenhaushalten. Diese Gruppe umfasst rund 6% der Bevölkerung bzw. 8% aller 0- bis 59-Jährigen. Knapp eine halbe Million Menschen sind betroffen, darunter besonders viele Arbeitslose sowie Personen mit einer Frühpension und gesundheitlichen Einschränkungen. Mehr als die Hälfte der Personen in (nahezu) Erwerbslosenhaushalten sind auch armutsgefährdet.

TROTZ EINKOMMENSANSTIEG BEI ARMUTSGEFÄHRDETEN STÄRKERE POLARISIERUNGEN

Die Einkommen der Armutsgefährdeten sind auch im Krisenjahr stärker gestiegen als der Verbraucherpreisindex. Trotzdem zeigen nationale Indikatoren auch eine Verfestigung von Gefährdungslagen bei manchen Bevölkerungsgruppen. Der Anteil dauerhaft gefährdeter Personen hat sich etwa bei Alleinerziehenden seit 2006 nahezu verdoppelt. Eine kontinuierliche Zunahme von manifesten Armutslagen seit 2005 (344.000 Personen) setzt sich auch im Jahr 2010 (511.000 Personen; 2009: 488.000) fort. Auch bei Überbelag oder hohen Wohnkosten werden Ungleichheiten verstärkt sichtbar. Polarisierungstendenzen zeigen sich an der bei Armutsgefährdeten deutlich zunehmenden Belastung durch Kriminalität, Lärm oder Umweltverschmutzung in der Wohnumgebung.

ERWERBSLEBEN, BILDUNG UND GESUNDHEIT: MODERATE FORTSCHRITTE

Verbessert hat sich die Teilnahme am Erwerbsleben. Indikatoren für Arbeitsmarktferne und niedrige Stundenlöhne zeigen eine leichte Angleichung von Männern und Frauen. Trotz deutlicher Ausdehnung der Kinderbetreuungsquoten blieb die Zahl der Frauen mit Erwerbshindernissen aufgrund von Betreuungspflichten (vor allem für unter 4-Jährige) unverändert. Soziale Disparitäten bei Gesundheit bestehen weiterhin und manifestieren sich in einer verkürzten Lebenserwartung bei einem Pflichtschul- gegenüber einem Hochschulabschluss.

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