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Sozialpolitische Studienreihe

Zusammenfassung

ARMUTSGEFÄHRDUNGSGRENZEN IN DER LITERATUR

Die Identifikation armer Bevölkerungsteile ist die Voraussetzung jeder Armutsforschung. Ohne die Bestimmung einer Armuts(gefährdungs)grenze ist weder eine solche Identifikation noch eine Aussage darüber möglich, wie viele Personen von Armut betroffen oder bedroht sind. Eine eingehende Literaturanalyse förderte eine Vielzahl konzeptioneller und methodischer Zugänge zur Setzung solcher Grenzen zu Tage. Armutsdefinitionen und die von ihnen abgeleiteten Schwellen lassen sich demnach drei Gruppen zuordnen: (i) Ansätze des Sozialen Konsens, (ii) Budget Standards und Warenkörbe, (iii) Deprivations-Ansätze / objektive Ansätze. In der Forschung wird die Auswahl eines dieser Zugänge häufig von pragmatischen Überlegungen, wie etwa der Verfügbarkeit von Daten, getroffen.

EU-SILC REPRÄSENTIERT DEN ÜBERWIEGENDEN TEIL DER PENSIONSBEZIEHENDEN

In EU-SILC 2008 wurden 3.066 Personen mit Pensionsbezügen ausführlich zu ihrer Lebenssituation befragt. Hochgerechnet entspricht dies rund 1,84 Millionen Menschen. Die Zahl der Pensionsbeziehenden wird daher gegenüber Lohnsteuer- bzw. Hauptverbandsdaten (Einkommensbericht 2008) um etwa 84.000 unterschätzt. Die Zahl der Personen mit Mindestpensionen wird um knapp 34.000 Personen unterschätzt. Diese Diskrepanzen sind teils durch mess- und zufallsbedingte Stichprobenfehler, teils aber auch durch eine unterschiedliche Bezugsgröße erklärbar. So erfasst EU-SILC jeweils das Vorjahreseinkommen von Personen, die in Privathaushalten leben. Personen in Anstalten sowie Personen, die ein Einkommen bezogen haben, aber bis zum Zeitpunkt der Erhebung verstorben sind, können nicht berücksichtigt werden.

SOZIALE SICHERUNG IM ALTER ABHÄNGIG VON PENSIONSLEISTUNGEN

Alterslagen werden in diesem Bericht in erster Linie durch die Altersgrenze von 60 Jahren definiert. Zu Beginn werden dieser Gruppe die Gruppe der Pensionsbeziehenden gegenübergestellt.

81% des Haushaltseinkommens von Personen ab 60 Jahren sind Pensionsbezüge. Schließt man auch Personen, die in Haushalten mit Pensionsbezügen leben, mit ein, so verringert sich der Anteil auf 77%. Das bedeutet, dass nicht nur pensionsbeziehende Personen selbst, sondern auch jene, die gemeinsam mit ihnen leben, überwiegend auf Pensionsleistungen angewiesen sind.

Bei 78% der Personen ab 60 Jahren wäre das Haushaltseinkommen ohne Pensions- und Sozialleistungen unter der Armutsgefährdungsschwelle. Durch den Bezug von Pensions- und Sozialleistungen sinkt die Armutsgefährdungsquote dieser Gruppe auf 14% bzw. rund 243.000 Personen. Von allen Personen, die in einem Haushalt mit Pensionsbezug leben, wären ohne diesen Bezug 65% armutsgefährdet, nach Pensionen und Sozialleistungen sind es 12%. Insgesamt liegt die Armutsgefährdung in Alterslagen ungefähr im Durchschnitt der Bevölkerung in privaten Haushalten. Die Armutsbetroffenheit von etwa 55.000 Personen in Anstalten für ältere Menschen sowie die Dunkelziffer jener, die zwischen dem Einkommenszeitraum und der Erhebung verstorben sind, bleibt dabei aber unberücksichtigt.

ALTERSARMUT IST VON BERUFLICHER POSITION GEPRÄGT UND BETRIFFT FRAUEN DAHER AM STÄRKSTEN

Am stärksten sind Frauen von Armutsgefährdung im Alter betroffen, Personen im fortgeschrittenen Alter, alleinstehende Pensionistinnen sowie Personen ohne Erwerbseinbindung bzw. mit niedrig qualifizierter beruflicher Stellung im früheren Erwerbsalter. Insgesamt sind Frauen ab 60 Jahren mit 16% deutlich häufiger armutsgefährdet als Männer (11%). Für Männer und Frauen gilt, dass der Anteil der Armutsgefährdeten mit steigendem Alter zunimmt. Im Alter von über 75 Jahren sind 12% der Männer und 18% der Frauen armutsgefährdet. Alleinlebende Frauen ab 60 Jahren sind mit 24% die am stärksten gefährdete Gruppe. Die berufliche Positionierung im Erwerbsleben wirkt nach der Pensionierung fort: Zwischen 18 und 59 Jahren sind 17% der Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen armutsgefährdet. Personen, die noch nie erwerbstätig waren, sind zu 29% gefährdet. Bei den Über-60-Jährigen beträgt das Armutsgefährdungsrisiko von Personen, die nie erwerbstätig waren, 31%. Unter ehemaligen Hilfsarbeitern und Hilfsarbeiterinnen sind rund 17% armutsgefährdet. Selbständige sind im Erwerbsalter durchschnittlich betroffen (12%), später hingegen überdurchschnittlich häufig (21%).

Die Armutsgefährdungslücke ist bei Personen mit Pensionsbezug geringer. Die Armutsgefährdungslücke, als Maß dafür wie stark das Einkommen armutsgefährdeter Personen unter der Armutsgefährdungsschwelle liegt, ist für Personen mit Pensionsbezug geringer als für Personen ohne Pensionsbezug. Das Einkommen von armutsgefährdeten Personen ab 60 Jahren liegt im Median um 14% unter der Armutsgefährdungsschwelle im Vergleich zu 18% bei Personen zwischen 18 und 59 Jahren. Sehr niedrige Einkommen werden bei Pensionsbeziehenden häufig über das Instrument der Ausgleichszulage in die Nähe der Armutsgefährdungsschwelle angehoben.

DEPRIVATIONSINDIKATOREN ALS ALTERNATIVEN ZUR MESSUNG VON BENACHTEILIGUNGEN IM ALTER

Die Sensitivität der Armutsgefährdungsquote gegenüber methodischen Entscheidungen weist darauf hin, dass dieser Indikator auch mit anderen Indikatoren verglichen und validiert werden sollte. Alternativ zur monetären Armutsgefährdung werden bei EU-SILC daher auch eine Reihe von Merkmalen zur deprivierten Lebensführung erhoben. Im Mittelpunkt der Berichterstattung steht heute der Bereich der finanziellen Deprivation. Dieser eruiert, ob sich ein Haushalt den für die Mehrheit der Bevölkerung in Österreich absolut notwendigen Mindestlebensstandard leisten kann. Dabei wird die Selbsteinschätzung der Befragten herangezogen, ob die insgesamt im Haushalt verfügbaren finanziellen Ressourcen ausreichen oder nicht. Gegenüber der Messung des Einkommens werden so auch jene Mittel berücksichtigt, die über das messbare Haushaltseinkommen hinausgehen (z.B. informelle Beschäftigung, Vermögen, etc.). Der Indikator der finanziellen Deprivation ist außerdem sensibel gegenüber starken finanziellen Belastungen wie etwa Gesundheitsbelastungen und Schulden oder lebensstilbedingten Präferenzen. Schließlich kann ein regionaler oder zeitlicher Vergleich finanzieller Deprivation unterschiedlichen Lebenskosten aufgrund der Preisentwicklung besser Rechnung tragen, als die reine Einkommensmessung.

Neben der finanziellen Deprivation werden bei EU-SILC auch sekundäre Bereiche der Konsumgüterdeprivation sowie Benachteiligungen bei Gesundheit, Wohnung und Wohnumgebung verwendet. Mit den aus diesen Merkmalen abgeleiteten Indikatoren kann die Lebenssituation der Bevölkerung relativ umfassend beschrieben werden.

Kapitel 5 dieses Berichts untersucht, inwieweit sich diese Indikatoren eignen, um Vergleiche zwischen Altersgruppen durchzuführen, und damit die spezifischen Lebenslagen älterer Menschen zu erfassen. Ein Indikator besteht aus mehreren Merkmalen. Nur dann, wenn die einzelnen Merkmale einem ähnlichen Altersmuster folgen, können Unterschiede im daraus aggregierten Indikator dem Alter zugeschrieben werden. Weisen einzelne Merkmale verschiedene Alterstrends auf, so muss zumindest eine plausible inhaltliche Begründung der Unterschiede möglich sein. Die erfassten Merkmale müssen für verschiedene Altersgruppen gleichermaßen Grundbedürfnisse darstellen.

KONSUMGÜTERDEPRIVATION IST ZUR BESCHREIBUNG VON ALTERSLAGEN UNGEEIGNET

Nach den zugrunde gelegten Kriterien eignen sich die Bereiche finanzielle Deprivation, Gesundheit, Wohnung und Wohnumgebung besser zur Beschreibung der Lebenssituation älterer Menschen als die Ausstattung mit Konsumgütern. Bei diesen zeigt sich, dass die erfassten Konsumgüter für ältere Menschen eine geringere Bedeutung besitzen als für jüngere. Der Indikator sekundäre Deprivation ist daher für die Erfassung der Benachteiligung im Alter eher ungeeignet.
Die Bereiche Wohnen und Wohnumgebung eignen sich zwar zur Beschreibung benachteiligter Lebenslagen im Alter, weisen aber keine markanten Altersunterschiede in der Betroffenheit auf. Unterschiede in diesen Bereichen stehen eher mit dem Urbanisierungsgrad des Wohnorts in Zusammenhang.
Die Indikatoren zur finanziellen Deprivation und Gesundheit weisen für ältere Menschen eine überdurchschnittliche Benachteiligung aus. Finanzielle Deprivation und gesundheitliche Probleme sind für die Analyse von Deprivation im Alter sowohl methodisch geeignet als auch besonders bedeutend für die Lebenslagen älterer Menschen.

Besonders gesundheitliche Beeinträchtigungen zeigen einen starken Zusammenhang mit dem Alter. Die Zunahme gesundheitlicher Probleme mit steigendem Alter lässt sich in allen sozialen Schichten beobachten. Allerdings bleiben bedeutende Unterschiede nach Bildungs- und ehemaligem Berufsstatus auch in den Kohorten höheren Alters bestehen.

ERHÖHTE FINANZIELLE DEPRIVATION IM ALTER IST ZU EINEM GROSSEN TEIL EIN KOHORTENEFFEKT

Finanzielle Deprivation weist ein differenzierteres Muster auf. Die finanzielle Deprivationsquote der Altersgruppe der 60 bis 69 Jährigen, die typischerweise durch den Übergang vom Erwerbsleben in die Pension gekennzeichnet ist, ist mit 18% niedriger als für Personen im Erwerbsalter zwischen 18 und 59 Jahren. Hingegen sind die 80+-Jährigen mit 25% die am stärksten von finanzieller Deprivation betroffene Altersgruppe. Eine genauere Analyse innerhalb der Altersgruppen zeigt, dass deutliche Zusammenhänge von finanzieller Deprivation mit Armutsgefährdung, Haushaltsform, Bildung und beruflicher Stellung bestehen. Die Unterschiede in der Betroffenheit von finanzieller Deprivation sind zum Großteil einem Kohorteneffekt zuzuschreiben. Unter 70 bis 79 Jährigen ist der Anteil von Personen mit höherer Bildung und höherem Berufsstatus deutlich geringer als in der Altersgruppe der 60 bis 69 Jährigen. Das unterstreicht, dass die Lebenslage im Alter im Wesentlichen als Fortschreibung gesellschaftlicher Rahmenbedingen der jeweiligen Generation zu sehen ist. Benachteiligungen im Schul- und Erwerbsalter haben also fortdauernde Wirkung und zwar nicht nur auf die Einkommenssituation sondern auf die Lebensführung insgesamt. Ein wesentlicher indirekter Effekt der Alterung konnte aber neben dem Kompositionseffekt der Alterskohorten identifiziert werden.

Mit zunehmendem Alter steigt der Anteil alleinlebender Frauen, der durch das frühere Ableben der männlichen Lebenspartner bedingt ist. Diese Frauen sind nun oft auf ihren oder vom ehemaligen Lebenspartner abgeleiteten Pensionsbezug angewiesen. Die bescheidene Einkommenssituation von Witwen mag in einigen Fällen durch das verbliebene Haushaltsvermögen oder rigorosen Bedürfnisverzicht kompensiert werden, trotzdem bleibt ein überdurchschnittlich großer Teil der allein lebenden älteren Frauen von der Teilhabe am Mindestlebensstandard ausgeschlossen.

SOZIALE ISOLATION IM ALTER STEHT IN ENGEM ZUSAMMENHANG MIT FINANZIELLER DEPRIVATION

Soziale Isolation betrifft Personen im höheren Alter überdurchschnittlich häufig. Insgesamt haben 215.000 Personen ab 60 Jahren keine regelmäßigen Kontakte zu Verwandten, Freunden oder Nachbarn. Die Analyse zeigt aber, dass soziale Isolation kein Schicksal des Lebens im Alter ist, sondern eng mit einschränkenden Lebensbedingungen in Zusammenhang steht. Neben Menschen, die gesundheitliche Probleme haben, sind gerade jene älteren Menschen, die mit finanzieller Deprivation kämpfen, häufig auch sozial isoliert.

ARMUTSGEFÄHRDUNGSQUOTE IM ALTER OHNE PFLEGEGELD/MIT IMPUTIERTER MIETE DEUTLICH HÖHER

Die Berechnung des Haushaltseinkommens in EU-SILC ist durch EU-Verordnungen sowie entsprechende Richtlinien von Eurostat auf europäischer Ebene weitgehend geregelt. Einige Einkommenskomponenten wie beispielsweise imputierte Mieten und private Pensionen werden dabei (derzeit) nicht für die Berechnung des Haushaltseinkommens berücksichtigt. Andere Einkommenskomponenten werden hingegen berücksichtigt, auch wenn diese eher erhöhte Lebenskosten kompensieren sollen, wie etwa das Pflegegeld. Dass die Berücksichtigung solcher Einkünfte im Einzelfall enorme Bedeutung haben kann, liegt auf der Hand. Wie sehr es zu Verschiebungen in Hinblick auf die Positionierung älterer Menschen in Hinblick auf die Armutsgefährdungsschwelle kommt, wird in diesem Bericht erstmals systematisch untersucht. Das Ergebnis zeigt, dass die Zahl der armutsgefährdeten Personen ab 60 Jahren um 40.000 Personen höher wäre, wenn das Pflegegeld nicht als zusätzliches Einkommen behandelt wird. Werden imputierte Mieteinkünfte hingegen in die Berechnung einbezogen, so verringert sich die Zahl der Armutsgefährdeten dieser Altersgruppe um 26.000 Personen.

ARMUTSGEFÄHRDUNGSQUOTE IM ALTER JE NACH BEDARFSGEWICHTUNG ZWISCHEN 8% UND 21%

Bei der Berechnung von Armutsgefährdung wird das verfügbare Einkommen je nach Haushaltsgröße gewichtet. Die Äquivalenzskala wird verwendet, um aus dem Einkommen eines Haushaltes ein bedarfsgewichtetes Pro-Kopfeinkommen zu berechnen. Mit der Äquivalenzskala wird ausgedrückt, wie eng der Einkommensbedarf an die Haushaltsgröße gekoppelt ist (Elastizität). Bei einer sehr geringen Elastizität werden hohe Einsparungseffekte (economies of scale) angenommen. Sie entscheidet auch über die Höhe der Armutsgefährdungsschwelle bzw. wie diese je nach Haushaltsgröße anzupassen ist.

Die Bedarfsgewichtung entscheidet unmittelbar darüber, ob eher Familien oder eher ältere Menschen als benachteiligt definiert werden. Während ältere Menschen öfter alleine oder zu zweit leben, bestehen Familien in der Regel aus mehreren Personen. Da die Haushaltsgröße von Familien vor allem durch die Zahl der Kinder bestimmt wird, enthalten die angenommenen Bedarfsrelationen je nach Äquivalenzskala unterschiedliche Annahmen über Kinderkosten. Je höher diese angenommen werden, desto höher wird das äquivalisierte Einkommen älterer Menschen im Vergleich zu jenem von Familien. Dementsprechend ist der Anteil der Älteren an den Armutsgefährdeten geringer, wenn von hoher Elastizität ausgegangen wird.

Laut EU-SILC 2008 liegt die Armutsgefährdungsschwelle für einen Einpersonenhaushalt bei 951 Euro netto pro Monat (12x pro Jahr). Nach der früher in Österreich gebräuchlichen Oxford Skala verringert sich dieser Wert auf nur etwa 782 Euro pro Monat (12x pro Jahr) und liegt damit unterhalb des Ausgleichszulagenrichtsatzes). Wird die Elastizität empirisch auf Basis des subjektiven Mindesteinkommens berechnet, dann erhöht sich die Schwelle auf rund 1.213 Euro pro Monat (jeweils 60% vom Median). Die Armutsgefährdungsquote von Menschen über dem gesetzlichen Pensionsalter liegt dann bei etwa 21%, während nach Oxford Skala rund 8% und nach der konventionellen EU-Skala rund 14% der älteren Menschen armutsgefährdet sind.

MINDESTEINKOMMENSGRENZEN FÜR PERSONEN AB 60 JAHREN

Die Ergebnisse über die Sensitivität von Armutsgefährdungsquoten werfen die Frage auf, wie hoch das Einkommen sein muss, damit ältere Menschen nicht durch eine deprivierte Lebensführung eingeschränkt werden. Empirische Befunde dazu können aus EU-SILC gewonnen werden. Grundlegend ist die Annahme, dass ein armutsfestes Einkommen dann erreicht ist, wenn der Anteil der finanziell deprivierten Personen sich deutlich verringert. Diese Herangehensweise zur Ermittlung bedarfsgerechter Einkommensschwellen wurde in der britischen Tradition der Armutsforschung mehrfach erprobt (vgl. Townsend 1979). Eine solche Auswertung muss natürlich für verschiedene Typen von Haushalten differenziert vorgenommen werden.

Hinsichtlich der Elasistizität in den Äquivalenzbedingungen scheinen unterschiedliche Haushaltskonstellationen durch bestimmte Entscheidungen begünstigt oder stärker benachteiligt. Dies konnte insbesondere für die in Haushaltsgröße und –zusammensetzung stark voneinander abweichenden Haushaltstypen „Familie mit Kindern“ und „Pensionistinnen- und Pensionisten-Haushalte“ gezeigt werden.

Kapitel 7 setzt sich daran anknüpfend mit der Frage auseinander, wie hoch das bedarfsorientierte Einkommen für ältere Menschen zu veranschlagen ist. In Hinblick auf die festgestellte methodische Sensitivität – gerade bei älteren Menschen – ist eine am Bedarf orientierte Definition eine wichtige Voraussetzung für spätere Analysen der Dynamik von Armutsgefährdung im Alter und kann zudem eine Orientierungshilfe zur Beurteilung der Bedarfsgerechtigkeit von Sozialleistungen liefern.

Da EU-SILC seit 2004 als integrierte Quer- und Längsschnitterhebung durchgeführt wird, besteht für weitere Untersuchungen die Möglichkeit, die Dynamik der Armutslagen älterer Menschen zu beobachten. Da diese zumeist nicht die Chance haben, ihre Einkommenssituation im Laufe der Jahre zu verbessern, ist anzunehmen, dass die Persistenz von Armutslagen in dieser Gruppe höher ist als bei Personen im Erwerbsalter. Längsschnittanalysen bieten aber darüber hinaus die Möglichkeit, das Risiko in eine Armutslage zu geraten, das mit einer Veränderung der Lebenssituation einhergeht, zu bestimmen. Die Bedeutung von Zäsuren wie etwa das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben oder der Partnerverlust kann so quantifiziert werden. Ein Schwerpunkt von Längsschnittanalysen könnte auch auf dem vorzeitigen Ausscheiden aus dem Erwerbsleben liegen.

DAS VERHÄLTNIS VON DEPRIVATION UND EINKOMMEN ZUR ERRECHNUNG EINER BEDARFSORIENTIEREN GEFÄHRDUNGSSCHWELLE FÜR ÄLTERE MENSCHEN

Um Bedarfseinkommensgrenzen empirisch abzuleiten, ist es sinnvoll, Deprivation mit Einkommen in Zusammenhang zu setzen, um auf diese Weise den Mindestbedarf unterschiedlicher Personenkreise und Altersgruppen in Relation zu setzen. Einkommen zu einer weiteren Kennzahl in Beziehung zu setzen, stärkt zudem das Argument für einen bestimmten Grenzwert und reduziert die Willkür in der Entscheidungsfindung.

Dieser Ansatz ermöglicht neben der rein monetären Funktion eine Ausrichtung der Armutsgefährdungsschwelle an sozialer Partizipation und erweitert daher den rein einkommensbezogenen Gefährdungsbegriff, der in der vergleichenden Armutsberichterstattung der EU die Grundlage bildet. Die an Deprivation orientierte Einkommensbedarfsgrenze (BG-D) liefert zugleich eine empirische Methode, Schwellenwerte für unterschiedliche Haushaltstypen und Altersgruppen zu eruieren. Somit werden Aussagen über die Gruppe derjenigen älteren Menschen ermöglicht, die unter extremer finanzieller Anspannung und sozialer Isolation ihr Auskommen finden müssen.

DIE EXKLUSION VON PFLEGEGELD AUS DER BERECHNUNG DER ARMUTSGEFÄHRDUNGSGRENZE

Aufgrund der unterschiedlichen Ausgestaltung der institutionellen Unterstützung pflegebedürftiger Personen in den verschiedenen EU-Mitgliedsländern scheint die Einbeziehung des Pflegegeldes in das verfügbare Netto-Haushaltseinkommen nicht zuletzt aus Gründen der Vergleichbarkeit nachvollziehbar. Für innerösterreichische Analysen muss jedoch davon abgegangen werden, da das Pflegegeld in der Sache eine Kompensationsleistung darstellt. Die Kalkulation der Ausgleichzulage trägt diesem Umstand bereits Rechnung. Pflegegeld bleibt als Einkommensteil außer Betracht. Für die in Kapitel 7 verwendeten Schwellenwerte (sowohl EU-Berechnung als auch Deprivation-Bedarfsgrenze) wird das Pflegegeld daher als Einkommenskomponente exkludiert. Auf diese Weise können realitätsnähere Einblicke in die soziale Situation derjenigen älteren Menschen gewonnen werden, die mit einem Einkommen unterhalb der jeweiligen Schwellenwerte ihr Auslangen finden müssen.

ÄLTERE MENSCHEN SIND ÜBERDURCHSCHNITTLICH OFT BETROFFEN

Während die EU-Schwelle ihre Berechtigung als Indikator für eine monetäre Gefahrenlage hat, dient die Deprivations-Bedarfsgrenze der Untersuchung derjenigen Personen, bei denen der notorische Einkommensmangel bereits zu nachhaltigen Deprivationen in verschiedenen Dimensionen geführt hat. Wie unterscheidet sich die strukturelle Lage von Personen unterhalb der EU-Schwelle von jener, die darüber hinaus noch unter die Deprivations-Bedarfsgrenze fallen? Für beide gilt, dass die Gefährdungsraten über dem Durchschnitt liegen, darüber hinaus aber vor allem die Gruppe der 65-80-Jährigen als besonders gefährdet zu bezeichnen ist. Da Pflegegeld aus unseren Untersuchungen als Einkommensbestandteil exkludiert wurde, lassen sich die hohen Raten dieser Population zum Teil an der steigenden Zahl von PflegegeldbezieherInnen mit steigendem Alter erklären.

JE NACH SCHWELLENWERT SIND ZWISCHEN 18 UND 22% DER ALLEIN LEBENDEN PERSONEN AB 60 JAHREN VON ARMUT BEDROHT

Tendenziell zeigt sich eine weit stärkere Gefährdung der Ein-Personenhaushalte. So sind etwa nach EU-Berechnung 20% der Ein-Personenhaushalte von Armut bedroht, während nur 10% der Zwei-Personenhaushalte unter die Gefährdungsgrenze rutschen. Bei den allein lebenden Personen ab 60 Jahren steigt die Gefährdungsquote nochmal an: Nach EU-Berechnung leben 22% dieser Gruppe unter der Schwelle. 18% derselben Bevölkerungsgruppe leben zudem unter der Deprivations-Bedarfsgrenze.

ALLEINSTEHENDE/VERWITWETE FRAUEN AB 60 JAHREN GEHÖREN ZUR GEFÄHRDETSTEN GRUPPE

Der überwiegende Anteil der Armutsgefährdeten ab 60 Jahren setzt sich aus allein lebenden Frauen zusammen. Dabei gilt, dass mit sinkendem Einkommen der Frauenanteil zunimmt. Liegt er für die EU-Schwelle bei 69%, so sind unterhalb der BG-D bereits 82% der betroffenen Personen weiblich. Der überwiegende Anteil dieser Personen ist verwitwet.

Gefährdungsraten älterer Frauen sind bei verwitweten, geschiedenen oder ledigen Personen am höchsten. Insbesondere der hohe Anteil der Witwen über 75 Jahren ist für das überproportionale Risiko in dieser Gruppe ausschlaggebend.

NIEDRIGE FORMALE BILDUNG IST DIE EINTRITTSKARTE IN DIE ARMUTSGEFÄHRDUNG IM ALTER

Knapp 80% der unterhalb der Deprivations-Bedarfsgrenze lebenden Personen verfügen ausschließlich über einen Pflichtschulabschluss. Dieser Anteil ist unter den Armutsgefährdeten nach EU-Bemessung mit 62% zwar ebenfalls hoch, jedoch haben hier zumindest 34% eine Lehre oder eine mittlere Schule absolviert. Rund ein Drittel der Betroffenen war niemals erwerbstätig, ein weiteres Drittel arbeitete in der Landwirtschaft und knappe 15% als Hilfskräfte. Unter den Gefährdeten nach EU-Berechnung sind es gut 20%, die nie erwerbstätig waren, während rund 18% in der Landwirtschaft und rund 17% als Hilfskräfte tätig waren. Weitere 15% dieser Gruppe verdienten als Dienstleister, Büroangestellte oder kaufmännische Angestellte.

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