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Sozialpolitische Studienreihe

Zusammenfassung

Ziele und Zentrale Fragestellungen der Studie

Die Jugendarbeitslosenquote hat eine begrenzte Aussagekraft über die tatsächliche Arbeitsmarktlage und das Ausgrenzungsrisiko von Jugendlichen. Vermehrt fokussieren daher die europäische Arbeitsmarktforschung und die politischen Entscheidungs¬träger auf den so genannten NEET-Indikator, der auf eine Erfassung der weder im Beschäftigungs- noch im Ausbildungssystem integrierten Personen abzielt. Die vorliegende Studie befasst sich mit den Fragen, wie viele Jugendliche in Österreich von einem NEET Status betroffen sind, welche sozialstrukturellen Merkmale diese Jugendlichen aufweisen und welche Ursachen dafür verantwortlich sein könnten, die zu einer NEET-Betroffenheit führen. Aus den empirischen Ergebnissen der Studie abgeleitet wurden dann schließlich auch noch für die Problemreduktion geeignet erscheinende Handlungsstrategien und Maßnahmen-optionen. Um der Komplexität des zu untersuchenden Phänomens gerecht zu werden, wurde ein Mehr-Methoden-Zugang gewählt, der sich sowohl auf quantitative als auch auf qualitative Elemente stützt. Für die quantitative Analyse wurde auf Basis des Mikrozensus ein Paneldatensatz aufgebaut, der Beobachtungen für jede Person für fünf Quartale zur Verfügung stellt.

Zahl bzw. Anteil und Entwicklung der NEET-Jugendlichen

Die Ergebnisse zeigen, dass im Durchschnitt der Jahre 2006 bis 2011 rund 78.000 Jugendliche bzw. junge Erwachsene zwischen 16 und 24 Jahren in Österreich weder am Arbeitsmarkt, noch im Bildungs- und Ausbildungssystem anzutreffen waren. Dies sind 8,6% aller jungen Menschen im Alter zwischen16 und 24 Jahren (NEET-Rate). Die Betrachtung im Zeitverlauf zeigt, dass der Anteil bzw. die Anzahl der NEET-Jugendlichen stark konjunkturabhängig ist. So stieg die NEET-Rate von 7,8% im Jahr 2008 auf 9% bzw. 9,1% im Jahr 2009 und 2010.

Sozialstrukturelle Merkmale von NEET-Jugendlichen

Sozialstrukturell unterscheiden sich NEET Jugendliche von Jugendlichen, die im Beschäftigungs- oder Ausbildungssystem integriert sind. NEET-Jugendliche sind häufiger im Ausland geboren und leben häufiger in Städten. Unterschiede zeigen sich auch bezüglich der sozialen Herkunft. Eltern von NEET-Jugendlichen verfügen häufiger über eine geringe Bildung und sind seltener in höheren oder leitenden Positionen tätig. Bezüglich des Geschlechts sind im Gegensatz zur internationalen Literatur bei den 16-19-jährigen keine Unterschiede festzustellen. Bei den älteren NEETs gibt es hingegen ein Übergewicht an jungen Frauen aufgrund von Betreuungspflichten. Rund die Hälfte der NEET-Jugendlichen sind frühe Schulab-gängerInnen.

Erklärung sozialstruktureller Unterschiede

Zur Erklärung der sozialstrukturellen Unterschiede zwischen NEET- und Nicht-NEET-Jugendlichen wurde auf der Individualebene ein Pfadmodell, getrennt für junge Männer und Frauen, berechnet. Bei jungen Frauen erklären die Faktoren Betreuungspflichten, ein früher Schulabgang, vorausgehende Arbeitslosigkeit und Krankheiten das NEET-Risiko, wobei den stärksten direkten Einfluss Betreuungspflichten und ein früher Schulabgang haben. Rund 37% der weiblichen NEET-Jugendlichen haben Betreuungspflichten und 50,8% sind frühe Schulabgängerinnen. Bei den männlichen NEET-Jugendlichen sind die Einflussfaktoren ein früher Schulabgang, vorausgehende Arbeitslosigkeit und Erkrankungen. Von den männlichen NEET-Jugendlichen verfügen bereits 27,2% über Arbeitslosigkeitserfahrungen, fast 12% berichten von Erkrankungen und 51,7% sind frühe Schulabgänger. 

Als für Frauen und Männer eindeutig zentralste Ursache für eine NEET-Betroffenheit kann somit jedenfalls ein früher Schulabgang bezeichnet werden. Die durchgeführten Pfadanalysen zeigen darüber hinaus, dass die sozialstrukturellen Merkmale nur indirekt auf das NEET-Risiko wirken. Der Migrationshintergrund beispielsweise ist nur insofern relevant, als eine Zuwanderung in der 1. Generation oder eine Staats-bürgerschaft eines Nicht-EU-25-Landes mit einem frühen Schulabgang verbunden ist. Eine direkte Wirkung auf das NEET-Risiko liegt – wie bereits erwähnt – nicht vor.

Typologie der NEET-Jugendlichen

Die Differenzierung der untersuchten Personengruppe nach ihrem Arbeitsmarktstatus ergibt folgendes Bild: Rund die Hälfte der NEET Jugendlichen (46,9%) in Österreich sind arbeitssuchend und die andere Hälfte ist ökonomisch inaktiv. 22,4% aller NEETs oder rd. 42% der inaktiven NEET Jugendlichen geben in Österreich an, dass sie keine Arbeit suchen, aber grund¬sätzlich gerne arbeiten würden.

Auf Basis einer latenten Cluster-Analyse konnten sieben NEET-Gruppen identifiziert werden, in denen sich unterschiedliche Problemkonstellationen abbilden: Rund ein Fünftel (21%) aller NEET sind junge Arbeitslose, die überwiegend frühe SchulabgängerInnen sind und auch aktiv eine Arbeit suchen. Es handelt sich dabei also um größtenteils frühe SchulabgängerInnen mit einer hohen Motivation zur Beendigung ihres NEET-Status. Eine weiteres Fünftel (20%) sind Lehrabsol-ventInnen am Land (mit einem relativ geringen Anteil an migrantischen Jugend-lichen), die ebenfalls sehr aktiv bei der Arbeitssuche sind und dabei vermut¬lich vorrangig eine passende Jobmöglichkeit in der Nähe ihres Wohnortes ins Auge fassen. Die dritte NEET-Kategorie mit einem Anteil von 18% bilden arbeitslose Jugendliche im Alter von 20 bis 24 Jahren, die einen relativ hohen MigrantInnenanteil aufweisen und mehrheitlich in Städten wohnen. Wie in den beiden ersten Gruppen ist auch hier der Anteil der aktiv Arbeitsuchenden sehr hoch. Junge Mütter mit und ohne Migrationshintergrund bilden zusammengerechnet einen Anteil von 23% aller NEET-Jugendlichen. Sie stellen sich insbesondere im Hinblick auf ihre Arbeitsmarkt-orientierung als äußerst inaktiv dar (weder aktiv auf Arbeitsuche noch ein Wunsch nach einer Erwerbsarbeit). Rund jeder zehnte NEET-Jugendliche befindet sich offensichtlich in einer Warteposition auf eine zugesicherte Erwerbs¬arbeit, eine Ausbildung oder auf den Präsenz- bzw. Zivildienst. Diese Personen lassen sich tendenziell durch Eltern mit einem relativ hohen sozialökonomischen Status und eine deutlich zurückhaltende Intensität bei der Arbeitssuche charakterisieren. Schließlich ist noch auf rund 9% der in ihrem Geschlechterverhältnis nahezu ausgewogenen NEET-Jugendlichen hinzuweisen, die auf Grund von gesundheitlichen Problemen und der wohl damit verbundenen Leistungs¬einschränkung eine ausgeprägte Inaktivität am Arbeitsmarkt aufweisen. Die vorgenommene Clusterung der NEET-Population bestätigt jedenfalls auch für Österreich eine ausgeprägte Heterogenität des NEET-Phänomens, was auch eine stark nach unterschiedlichen Zielgruppen differenzierte Gestaltung (re-)integrationsunterstützender Maßnahmen für NEET-Betroffene sinnvoll erscheinen lässt.

Dauerhaftigkeit und ihre Ursachen

Die Analysen zeigen, dass rund 29.500 Personen bzw. 38% der NEET-Jugendlichen dauerhaft – d.h. vier bzw. fünf Quartale durchgehend – im NEET-Status verweilen. Der Anteil ist bei weiblichen NEET-Jugendlichen mit 47,4% deutlich höher als bei jungen Männern (27%), %, was wohl nicht zuletzt auf den starken Einfluss des Faktors Mutterschaft und Kinderbetreuung auf die NEET-Dauer zurückzuführen sein dürfte.

Abhängig von der Messung eines erfolgreichen Ausstiegs gelingt dieser bei 32% bis 47% der NEET-Jugendlichen. Ob dieser Ausstieg langfristig erfolgreich ist, lässt sich angesichts des relativ kurzen Beobachtungszeitraums von fünf Quartalen nicht definitiv sagen. Weiblichen NEET-Jugendlichen gelingt ein Ausstieg leichter dann, wenn sie in Städten leben, jünger als 20 Jahre sind, über einen über die Pflichtschule hinausgehenden Bildungsabschluss verfügen, im Referenzzeitraum eine Arbeit suchen, an Kursmaßnahmen teilnehmen und keine Betreuungspflichten haben. Bei männ¬lichen NEET-Jugendlichen sind primär das Fehlen von Erkrankungen/Behinderungen und ein über die Pflichtschule hinausgehender Schulabschluss für den Ausstieg relevant.

Maßnahmenempfehlungen zur Senkung der NEET-Rate

Obwohl Österreich im internationalen Vergleich eine der niedrigsten NEET-Raten aufweist, ist eine weitere Senkung erstrebenswert. Auf der individuellen Ebene wird durch den NEET-Status ein selbstbestimmtes Leben beeinträchtigt, auf der gesellschaftlichen Ebene entstehen beträchtliche volkswirtschaftliche Kosten. Vor allem aber die negativen gesellschaftspolitischen Konsequenzen legen politische Maßnahmen und Strategien für eine weitere Reaktion nahe. Um dabei auch spürbare Effekte auf Makroebene erzielen zu können, empfiehlt die Studie einen der heterogenen Struktur der Zielgruppe entsprechenden Maßnahmenmix auf mehreren Ebenen und in unterschiedlichen Politikbereichen.

  1. Präventive Maßnahmen: Einführung einer Gesamtschule, Ausbau von Ganztages¬schulen, indexbasierte Finanzierung von Schulen zur Abfederung von sozial benachteiligten Standorten, Zusammen¬arbeit zwischen Schulen und Sozialarbeit stärken, Erforschung von und Sensibilisierung für psychische/physische Krankheiten.
  2. Interventionen am Übergang Schule – Beruf: mehr Berufsorientierung, Jugendcoaching bereits vor der 9. Schulstufe, Maßnahmen für Zu-wanderInnen, die erst nach der Pflichtschule kommen, verstärkte Vernetzung und Koordination der Maßnahmen am Übergang, Erweiterung der Ausbildungsgarantie auf 24 (bisher 18) Jahre.
  3. Re-Integration von NEET-Jugendlichen in das Beschäftigungs- oder (Aus)Bildungssystem: Niederschwellige, flexible, flächendeckende und bedürfnisgerechte Maßnahmen inkl. einer persönlichen und vertrauensvollen Beziehung(-sarbeit), alternativer Lernformen, Konzepte der aufsuchenden Jugend- und Sozialarbeit, One-Stop-Shop“-Lösungen (pilot¬weise an Orten mit hohen NEET-Raten), Online-Anlaufstelle für Jugendliche etc.

​Die bestehenden Angebote der aktiven Arbeitsmarktpolitik für Jugendliche werden von den Autoren der Studie explizit gelobt. Insbesondere die Ausbildungsgarantie und das Jugendcoaching werden als europäisches Best Practice hervorgehoben. Als äußerst wirkungsvolle Strategie zur NEET-Reduktion wird zudem auch die Verlängerung der Ausbildungs- und Schulpflicht, wie sie gemäß aktuellen Regierungsprogramm ab dem Schuljahr 2016/17 bis zum Alter von 18 Jahren auch vorgesehen ist, eingeschätzt.

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