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Sozialpolitische Studienreihe

Zusammenfassung

Das Forschungsprojekt basiert auf fünf Arbeitspaketen: Kontextinformationen wurden durch Literatur- und Inhaltsanalysen zu Gesetzestexten und Forschungsberichten sowie durch qualitative Interviews mit BetriebsrätInnen erhoben. Die empirische Arbeit umfasst neben Repräsentativinterviews mit Leiharbeitskräften auch Analysen von einvernehmlichen Auflösungen im Zeitverlauf basierend auf Daten der Gebietskrankenkassen und des Beitragscontrollings zur Auflösungsabgabe sowie umfangreiche Längsschnittanalysen für die Jahre 1997 bis 2016 auf Basis der Arbeitsmarkt- und Erwerbskarrierendatenbank von L&R Sozialforschung.

Im Hinblick auf die Entstehungsgeschichte der Leiharbeit in Österreich ist zuallererst der Beschluss des Arbeitskräfteüberlassungsgesetzes (AÜG) 1988 zum Zwecke des Schutzes der überlassenen Arbeitskräfte als ein wesentlicher Meilenstein hervorzuheben. Nach jahrelangen Verhandlungen zwischen den Sozialpartnern konnte im Jahr 2002 auch ein Kollektivvertrag für das Gewerbe der Arbeitskräfteüberlassung abgeschlossen werden, womit insbesondere der Bereich der Entgeltansprüche und der Entgeltfortzahlung in überlassungsfreien Zeiten für ArbeiterInnen geregelt und Rechtsunsicherheiten aufseiten der ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen reduziert wurden. Mit der am 1. 1. 2013 in Kraft getretenen Novelle des Arbeitskräfteüberlassungsgesetzes 2012 wurden EU-weite Vorgaben zum Zwecke der Gleichbehandlung und des Diskriminierungsverbots in österreichisches Recht umgesetzt. Sie betreffen im Wesentlichen Equal Treatment und Equal Payment, konkret eine Gleichstellung bezüglich betrieblicher Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen, Arbeitszeit, Urlaub und arbeitsfreier Tage, gleichgestellten Zugang zu betrieblichen Sozialleistungen, Schaffung des Zugangs zum Betriebspensionssystem im Beschäftigerbetrieb bei länger als vier Jahre währendem Arbeitseinsatz sowie Berücksichtigung des Günstigkeitsvergleichs im Hinblick auf die Entlohnung.


Ob und inwieweit die Lage der LeiharbeiterInnen seit der Vorgängerstudie (siehe Enzenhofer/Riesenfelder/Wetzel 2007) unter anderem auch durch die Novellierung eine Verbesserung erfahren hat, wird anhand der empirischen Untersuchungen bearbeitet. Im Folgenden findet sich eine Kurzübersicht über die Hauptergebnisse:

Entwicklung der Leiharbeit

  • Leiharbeit in Österreich erfuhr in den letzten 20 Jahren mehrere Etappen der Ausweitung, unterbrochen von drei Phasen der Rückentwicklung bzw. Stagnation. Insgesamt lässt sich aber ein deutlicher Anstieg feststellen: Weisen die Jahresdurchschnittsanalysen für 1997 noch lediglich etwas mehr als 14.000 LeiharbeiterInnen aus, so sind im Jahresdurchschnitt 2016 bereits gut 63.400 Personen als LeiharbeiterInnen mit Einkommen oberhalb der Geringfügigkeitsgrenze tätig.
  • Aktuell beträgt der Anteil der Leiharbeit an der Gesamtheit unselbstständiger Beschäftigung oberhalb der Geringfügigkeitsgrenze 1,8 %.

Merkmale der Leiharbeit – Schwerpunkt gering qualifizierte Tätigkeiten im Produktionsbereich

  • Auch aktuell im Jahr 2016 stellen LeiharbeiterInnen mit einem Arbeitsvertrag als ArbeiterIn den weitaus höchsten Anteil mit rund 77 % unter den Leiharbeitskräften dar. Die Entwicklung ist diesbezüglich allerdings rückläufig (ähnlich wie auf dem Arbeitsmarkt insgesamt), waren im Jahr 1997 doch noch rund 84 % diesem Typ zuordenbar.
  • Die sogenannte Einstiegsfunktion der Leiharbeit findet sich bei 15 % aller LeiharbeiterInnen: In diesen Fällen stellte die Leiharbeit die erste Beschäftigungsform dar. Vor allem unter jüngeren Personen im Alter von bis zu 24 Jahren nimmt die Leiharbeitstätigkeit überdurchschnittlich häufig eine Einstiegsfunktion ein (32 %).
  • Geschlechtsspezifisch finden sich stark differente Berufsgruppenpräferenzen – und zwar ähnliche wie hinsichtlich der Branchenverteilung: Während sich unter den männlichen Leiharbeitskräften eine starke Konzentration auf den Produktionsbereich findet (74 %), sind die beruflichen Einsatzbereiche von Frauen breiter gestreut.
  • Im Zeitverlauf seit 2006 sind dabei allerdings vor allem Verschiebungen von Leiharbeitskräften aus dem Bereich mittlerer sowie FacharbeiterInnentätigkeiten hin zu höher qualifizierten Tätigkeitsfeldern beobachtbar (vgl. Enzenhofer/Riesenfelder/Wetzel 2007).
  • Beinahe ein Drittel der Leiharbeitskräfte fühlt sich sehr oder eher überqualifiziert. Gehäuft findet sich eine Überqualifikation bei Leiharbeitskräften, die in Dienstleistungsberufen beschäftigt sind (54 %).
  • Eine vergleichende Auswertung mit dem beruflichen Tätigkeitsniveau unselbstständig Erwerbstätiger im Jahresdurchschnitt 2016 legt offen: Leiharbeitskräfte weisen deutlich geringere Tätigkeitsniveaus auf als unter den Standardbeschäftigten üblich.
  • Das Bildungsniveau von Leiharbeitskräften mit einem Angestelltenverhältnis liegt deutlich höher als jenes von Angestellten im unselbstständigen Beschäftigungsbereich. Wie auch bereits in der Vorgängerstudie aufgezeigt wurde, liegt auch das Bildungsniveau von Leiharbeitskräften mit ArbeiterInnenstatus deutlich über jenem von unselbstständigen ArbeiterInnen.

Equal Pay mit Einschränkungen

  • Insgesamt kritisiert fast ein Drittel der LeiharbeiterInnen (31 %), dass es für die gleiche Tätigkeit schlechter entlohnt wird als MitarbeiterInnen aus der Stammbelegschaft.
  • Fast jede/r Fünfte ist unzufrieden mit dem eigenen Einkommen.

Geringe Beschäftigungskontinuität, geringes Ausmaß an Erwerbsintegration und hohes Arbeitslosigkeitsrisiko

  •  Fast jeder/jede zweite LeiharbeiterIn (49 %) des Jahres 2016 mit einem Arbeitsvertrag als ArbeiterIn kann eine Beschäftigungsdauer beim Überlasserbetrieb (nicht beim Beschäftigerbetrieb!) von 60 Tagen nicht überschreiten. Dies erscheint problematisch und erklärt auch das an anderer Stelle in dieser Studie errechnete geringe Ausmaß der Erwerbsintegration und das hohe Arbeitslosigkeitsrisiko der Betroffenen. Dieses Ausmaß an kurzen Beschäftigungsdauern stellt ein Merkmal von Prekarität dar.
  • Entkoppelung von Arbeitseinsätzen und Beschäftigungsverhältnissen, Beendigung des Arbeitsverhältnisses und Brückenfunktion der Leiharbeit
  • Einvernehmlichen Auflösungen kommt den Angaben der befragten LeiharbeiterInnen zufolge eine sehr starke Bedeutung zu – nur teilweise finden diese einvernehmlichen Auflösungen auch in beiderseitigem Einvernehmen statt.
  • Diese starke Dominanz einvernehmlicher Auflösungen in der Branche der Arbeitskräfteüberlassung findet sich auch bei der Analyse von Daten der Gebietskrankenkassen und des Beitragscontrollings, waren doch im Jahr 2012 – also vor der Einführung der Auflösungsabgabe – noch 45 % der Abmeldegründe als einvernehmliche Auflösung definiert. Seit 2013 ist mit der Einführung der Auflösungsabgabe ein starker Anstieg von Auflösungen in der Probezeit zu beobachten (2016: 38 %) – ein Trend, der sich bei keiner der verglichenen Branchen findet. Grundsätzlich sollte dieser Abmeldegrund (30/34 – Lösung in der Probezeit) daher im Blick gehalten werden.
  • Die oftmals ins Treffen geführte Brückenfunktion der Leiharbeit erweist sich als nur schwach ausgeprägt: Im letzten Beobachtungsjahr, dem Kalenderjahr 2016, beläuft sich der Anteil an Übergängen aus der Leiharbeit in Standardbeschäftigung auf lediglich rund 21 %. Zudem sinkt das Ausmaß der Brückenfunktion stark mit steigendem Alter (nur 15 % bei ab 50-Jährigen).

Arbeitsbelastungen und Zufriedenheit

  • Typische Merkmale der Einsatzbereiche von Leiharbeit (wie z. B. geringe berufliche Tätigkeitsniveaus) und strukturelle spezifische Leiharbeitsmerkmale (geringe Kontinuität etc.) münden in hohe Belastungen und geringe Arbeitszufriedenheit. So sind beispielsweise rund 36 % der LeiharbeiterInnen der Meinung, dass überlassene Arbeitskräfte immer die schlechtesten Arbeiten machen müssen. 55 % der LeiharbeiterInnen sind gesundheitlich belastenden Arbeitssituationen ausgesetzt. Fast drei Viertel (73 %) der LeiharbeiterInnen finden keine beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten vor.
  • In der Folge würde mehr als die Hälfte aller LeiharbeiterInnen ein Standardbeschäftigungsverhältnis sehr stark bevorzugen (54 %), weitere 15 % immerhin teilweise.

Betriebsräte

  • Es bestehen starke Wissensdefizite bezüglich Betriebsräten: Auffällig ist der hohe Anteil an LeiharbeiterInnen, die zu der Frage, ob es im Überlasserbetrieb einen Betriebsrat gibt, keine Angabe machen konnten (41 %). In Bezug auf den Beschäftigerbetrieb zeigen sich die Leiharbeitskräfte deutlich besser informiert: So beläuft sich der Anteil an LeiharbeiterInnen, die zu der Frage, ob es im Beschäftigerbetrieb einen Betriebsrat gibt, keine Angabe machen konnten, auf lediglich rund 22 %.
  • Die Interviews mit den LeiharbeiterInnen bringen aber dennoch den zentralen Stellenwert der Betriebsräte zutage. Beispielsweise sind nur 11 % der LeiharbeiterInnen in Überlasserfirmen mit Betriebsrat mit ihrem Lohn/Gehalt unzufrieden – ein Anteil, der in Betrieben ohne Betriebsrat auf ein Drittel ansteigt (32 %), was eindrücklich auf die Wichtigkeit von Betriebsräten für die Einhaltung arbeitsrechtlicher und kollektivvertraglicher Normen verweist. Weiters kennen in Überlasserbetrieben mit Betriebsrat 35 % die Soforthilfe der PRO-GE, ist kein Betriebsrat gewählt, so beträgt der Anteil 21 %.

Inklusion von LeiharbeiterInnen in die berufliche Weiterbildung und Unterstützung in der Arbeitslosigkeit

  • Der Grad der Bekanntheit des Sozial- und Weiterbildungsfonds (SWF) unter den LeiharbeiterInnen ist eher gering: Rund 35 % der LeiharbeiterInnen haben schon einmal vom SWF gehört. Die Arbeitslosenunterstützung ist dabei unter jenen LeiharbeiterInnen, die den SWF kennen, das bekannteste Förderinstrument (65 %), gefolgt von allgemeinen Bildungsmaßnahmen (62 %) und der Fachkräfteausbildung (56 %).
  • Teilnahmen an beruflicher Weiterbildung, welche in der Arbeitszeit stattfand oder zumindest teilweise durch den Überlasserbetrieb finanziert wurde, finden sich nur in sehr geringem Ausmaß: Lediglich 8 % hatten schon einmal an einer solchen beruflichen Weiterbildung teilgenommen, wobei hier starke Abhängigkeiten entlang der beruflichen Tätigkeitsniveaus bestehen. Der Nutzen durch die Weiterbildung wird seitens der LeiharbeiterInnen sehr hoch bewertet.
  • Knapp ein Viertel (24 %) der LeiharbeiterInnen kennt die Soforthilfe der PRO-GE, meist aus den Printmedien oder durch Information seitens der Gewerkschaft oder der Betriebsräte in den Überlasserbetrieben.

 

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