Sozialpolitische Studienreihe

Zusammenfassung Eingliederungsindikatoren

INDIKATOREN FÜR SOZIALE EINGLIEDERUNG IN ÖSTERREICH UND DER EUROPÄISCHEN UNION

Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union haben gemeinsame sozialpolitische Ziele. Damit die Verwirklichung dieser Ziele objektiv messbar ist, haben die europäischen Institutionen die regelmäßige Beobachtung anhand von statistischen Indikatorenbeschlossen. Für spezifische nationale Strategien sind die gemeinsamen EU-Indikatorenjedoch nur eingeschränkt anwendbar. In der offenen Methode der Koordinierung (OMK) werden deshalb auch nationale Indikatoren für soziale Eingliederung berücksichtigt. Das Bundesministerium für Soziales, Arbeit und Konsumentenschutz (BMASK) hat Statistik Austria beauftragt, Indikatoren für soziale Eingliederung in Österreich zu entwickeln. Dabei wurden in Zusammenarbeit mit einem Beirat aus Fachleuten, Interessensvertretungen und der Armutskonferenz insgesamt 18 Indikatoren ausgewählt. Eine repräsentative Telefonumfrage sowie eine begleitende qualitative Studie des Instituts für Soziologie der Universität Wien gewährleistete die Einbeziehung möglichst breiter Bevölkerungsschichten sowie Personen, die selbst von Armut betroffen sind. Der nun verfügbare Indikatorenkatalog bezieht sich daher auf Problemlagen, die für die Bevölkerung in Österreich von besonderer Relevanz sind.

SOZIALE EINGLIEDERUNG BEDEUTET SCHUTZ VOR ARMUT

Der Begriff „Soziale Eingliederung“ bezeichnet den Prozess, in dem Menschen die Mittel und Chancen erhalten, sich wirtschaftlich, sozial und kulturell in einer Gesellschaft zu integrieren. Strategien für soziale Eingliederung zielen auf die Vermeidung von Armut und sozialer Ausgrenzung. Der Armutsbegriff enthält dabei eine Aufforderung zur Unterstützung: wer als arm gilt, soll unterstützt werden. Das Verfahren der Indikatorenentwicklung war daher besonders auf Lebensbereiche ausgerichtet, in denen Menschen durch staatliche Interventionen unterstützt werden sollen. Die ausgewählten Indikatoren orientieren sich daher an den Bereichen Einkommens- und Lebensstandardsicherung, Wohnraumversorgung, Bildungszugang, Teilnahme am Erwerbsleben und Gesundheitsversorgung.

ARMUT HAT MEHRERE GESICHTER

Armut zeigt sich an einem Mangel an Ressourcen. Wenn zum Beispiel viele Menschen ein geringes, armutsgefährdendes Einkommen haben, kann dies ein Anzeichen für soziale Spaltung sein. Armutsgefährdung deutet auf Lücken in der durch Arbeitsmarkt, Familie und Sozialstaat gewährleisteten finanziellen Absicherung. Aber nicht alle Menschen, die ein laufendes Einkommen beziehen, können auch an den zentralen gesellschaftlichen Bereichen teilhaben. Die Benachteiligung gegenüber der in einer Gesellschaft als selbstverständlich angenommenen Lebensführung wird in der Armutsforschung als Deprivation bezeichnet. Wer wenig Geld hat, muss sich insbesondere beim materiellen Lebensstandard einschränken. Entscheidend ist dabei, ob finanzielle Engpässe vorübergehend oder dauerhaft sind. Wer jung, gesund und erwerbstätig oder in Ausbildung ist, hat in der Regel bessere Zukunftsperspektiven als etwa erwerbsunfähige Personen. Gleichzeitig ergeben sich je nach den persönlichen Voraussetzungen unterschiedliche Interventionsmöglichkeiten. Gesundheit, Bildung oder die Teilnahme am Erwerbsleben sind daher Aktivierungsressourcen, also nicht-monetäre Mittel. Sie bilden die Voraussetzung, die es Menschen mit geringen finanziellen Ressourcen ermöglicht, aus eigener Kraft eine normale Lebensführung zu erreichen. Darüber hinaus sind Gesundheit, Arbeit und Bildung selbstverständlich auch unmittelbar relevante Aspekte der gesellschaftlichen Teilhabe.

EFFEKTE WOHLFAHRTSSTAATLICHER LEISTUNGEN

Staatliche Transferleistungen sind in Österreich überwiegend Versicherungsleistungen, die durch Beitragszahlungen begründet sind. Andere Sozialleistungen stehen universell zur Verfügung, um Gruppen mit erhöhten Lebenskosten zu unterstützen (z.B. Pflegegeld oder Familienbeihilfen). Das eigentliche Ziel der Armutsreduktion ist vorwiegend bei den Leistungen der Bundesländer wie der Sozialhilfe oder der Wohnbeihilfe erkennbar. Obwohl soziale Unterstützungen breit gestreut sind, stellen sie vor allem für gefährdete Personen die wichtigste Existenzgrundlage dar. Werden weder Pensionen noch Sozialleistungen eingerechnet, dann haben in Österreich insgesamt 3,5 Millionen Menschen ein Einkommen, das geringer ist als die Armutsgefährdungsschwelle. Der Bevölkerungsanteil unter der Armutsgefährdungsschwelle liegt bei 25%, wenn soziale Transferleistungen nicht berücksichtigt werden und ist damit fast doppelt so hoch wie die aktuelle Armutsgefährdungsquote. Ohne Berücksichtigung von Pensionen fallen sogar 43% der Bevölkerung unter die Gefährdungsschwelle.

Staatliche Eingriffe, die durch den Zugang zu Dienstleistungen und Infrastrukturen erfolgen, sind hier noch nicht einbezogen. Denn öffentliche Investitionen in Bildung, Gesundheit; Verkehr oder sozialen Wohnbau können die Lebenskosten entscheidend reduzieren, tragen aber nicht unmittelbar zum Einkommen der privaten Haushalte bei.

AKTIVIERUNG DURCH ARBEIT

Die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit spielt eine wichtige Rolle in allen „Aktivierungsansätzen“, um die Haushalte zu unterstützen, aus eigener Kraft die Armutsgefährdungsschwelle mit Hilfe zusätzlicher Erwerbseinkommen zu überschreiten. Haushalte mit Kleinkindern sind sowohl hinsichtlich des Einkommens als auch hinsichtlich der Lebenskosten (z.B. für Wohnen) stark gefährdet und daher besonders auf sozialpolitische Interventionen angewiesen. Allerdings können die bestehenden Transferleistungen, die durch Frauenerwerbstätigkeit gewährleistete finanzielle Absicherung nicht ersetzen. Der Schutz der Familien vor finanzieller Armutsgefährdung ist deshalb auch stark von einer geeigneten Infrastruktur für Kinderbetreuung abhängig. Die Zahl der Personen, die sich aufgrund von Betreuungspflichten (vor allem für Kinder) nicht oder nur eingeschränkt am Erwerbsleben beteiligen können, wird auf etwa 79.000 geschätzt. Erwerbsbeteiligung, und vor allem jene der Mütter, ist dabei auch ein entscheidender Faktor für die finanzielle Armutsgefährdung.

GEFÄHRDET TROTZT ERWERBSTÄTIGKEIT

Erwerbstätigkeit ist zwar ein notwendiger, aber noch kein hinreichender Faktor zur Vermeidung von Armutsgefährdung. Ein erheblicher Teil der Arbeitsplätze in österreichischen Betrieben bietet kein Beschäftigungseinkommen, das ein Leben jenseits der Armutsgefährdungsschwelle garantiert. Das gilt besonders für Alleinverdienerhaushalte, in denen mehrere Personen auf ein einziges Erwerbseinkommen angewiesen sind.

Maßnahmen, die eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie (sowohl für Frauen als auch für Männer) ermöglichen, tragen daher auch dazu bei, den Kreis der Armutsgefährdung nachhaltig zu verringern.

SCHLÜSSELELEMENT BILDUNG

Die Steigerung der Bildungsbeteiligung ist einer der wesentlichsten Faktoren dafür, dass die Armutsgefährdungsquote in den letzten Jahrzehnten kaum zugenommen hat. Armutsgefährdung trifft besonders häufig und hart jene, deren Bildungskarriere mit Erfüllung der Schulpflicht beendet wurde. Fehlt es an Bildung, dann nimmt die Armutsgefährdung aufgrund vielfältiger Wirkungszusammenhänge zu. Wem es an weiterführender Bildung mangelt, muss mit einem geringeren Lohn und häufiger Arbeitslosigkeit rechnen und kann in Folge nur niedrige Transfereinkommen aus jenen Leistungen beziehen, die an das Erwerbseinkommen gekoppelt sind (wie etwa das Arbeitslosengeld oder die Alterspension).

SOZIALE SICHERUNG FÜR KINDER

Kinder repräsentieren die Zukunft jeder Gesellschaft. Die Lasten dieser Zukunftssicherung werden allerdings in erheblichem Ausmaß individualisiert. Ein „Leben mit Kindern“ ist für die Kinder und ihre Eltern mit erhöhter Armutsgefährdung verbunden. Eine von vier armutsgefährdeten Personen ist noch nicht volljährig. Nahezu die Hälfte der Armutsgefährdeten lebt in einer Familie. Instrumente, mit denen die soziale Sicherung für armutsgefährdete Kinder verbessert wird, haben daher besondere Breitenwirkung. Dies beschränkt sich nicht allein auf die in Österreich bestehenden Instrumente wie Familienbeihilfe und Lohnsteuer.

MIGRATIONSBEDINGTE ARMUTSLAGEN LASSEN SICH ÜBERWINDEN

Zugewanderte sind keine gleichförmige soziale Gruppe; auch dann, wenn sie aus demselben Herkunftsland stammen. Bereits aus der demographischen Struktur von zugewanderten Personen ergibt sich auch eine überdurchschnittliche Dynamik sozialer Lagen. Im Durchschnitt ist das Gefährdungsrisiko von Personen mit Migrationshintergrund etwa doppelt so hoch wie bei den in Österreich geborenen Personen. Aber etwa jede zweite Person schafft den Aufstieg über die Armutsgefährdungsschwelle (von einem auf das andere Jahr). Mit längerer Aufenthaltsdauer gelingt es demnach einem erheblichen Teil der MigrantInnen aus eigener Kraft aus der Armutsgefährdung herauszugelangen.

DIE WIRKUNG GENERELLER TRENDS

Die hier vorgelegten Befunde bieten keinen Hinweis, dass Armut in Privathaushalten zwischen dem EU-Beitritt 1995 und dem Jahr 2007, also bis vor dem Beginn der Wirtschaftskrise, zugenommen hat. Eine erstmalig durchgeführte Analyse von Veränderungen der individuellen Armutspositionen zeigt, dass in den letzten Jahren mehr Personen eine Gefährdungslage überwinden konnten als in eine solche hineingeraten sind. Die meisten dieser Übertritte stehen in Zusammenhang mit einer Verbesserung von Aktivierungsressourcen, insbesondere Beschäftigungsaufnahmen. Ein besonders starker Effekt konnte für die Erwerbstätigkeit von Frauen nachgewiesen werden.

Rein quantitativ bleiben Transferleistungen, staatliche Sozialleistungen und Pensionen die wichtigste Bestimmungsgröße für den Kreis der armutsgefährdeten Haushalte und Personen. In den letzten 10 Jahren hatten sozioökonomische Entwicklungen im Vergleich zur (politisch bestimmten) Größe und Zusammensetzung der Sozialausgaben eine recht überschaubare Wirkung.

Als einflussreichster Struktureffekt erweist sich die Erhöhung der Zahl der Personen mit weiterführender Schulbildung sowie eine Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit. Während der letzten 10 Jahre wurde eine gedämpfte Steigerung der mittleren Einkommen beobachtet. Dadurch hat sich tendenziell der Abstand zwischen den mittleren und den niedrigeren Einkommen verringert. Gleichzeitig kam es zu einer wachsenden Polarisierung zwischen den mittleren und den höchsten Einkommenspositionen. Die Annäherung von Mittelstand und benachteiligten Bevölkerungsgruppen kann folglich auch zu einer subjektiven Verunsicherung breiter Bevölkerungsschichten beitragen.

STATISTISCHE INDIKATOREN FÜR ZUKÜNFTIGE HERAUSFORDERUNGEN

Die prognostizierte Entwicklung der zentralen Kontextfaktoren wie Erwerbsquoten, Bildungsbeteiligung und Zuwanderung macht mittelfristig eine Vergrößerung des Kreises der armutsgefährdeten Personen wahrscheinlich. Welche Auswirkungen die gravierende Zunahme der Arbeitslosigkeit im Zusammenhang mit der weltweiten Wirtschaftskrise hat, ist noch nicht absehbar. Übersicht 1 zeigt die 17 im Rahmen dieses Projektes ausgewählten nationalen Indikatoren für soziale Eingliederung. Dieser Katalog ergänzt die gemeinsamen europäischen Indikatoren und bietet erstmalig ein breit abgestimmtes Instrument für die kontinuierliche Berichterstattung in Österreich. Darin sind auch wichtige Leitindikatoren für den nationalen Strategieplan 2008 bis 2011 enthalten.