Sozialpolitische Studienreihe

Zusammenfassung

Arbeitslosigkeit als Herausforderung ...

Die Schulungen des Arbeitsmarktservice Österreich (AMS) unterstützen die Qualifikationsanstrengungen von Jugendlichen, Frauen und Männern, die sich mit Arbeitslosigkeit konfrontiert sehen. Als Teil eines breiten Feldes von Service-, Beratungs- und Unterstützungsleistungen des AMS zielen die Schulungen darauf ab, die Beschäftigungsfähigkeit der Jugendlichen, Frauen und Männer zu steigern. Es gilt für sie, am Arbeitsmarkt erneut Fuß zu fassen, was häufig auch weitergehende Neuorientierungen in beruflicher und persönlicher Hinsicht mit einschließt.

... regt zu beruflichen Neuorientierungen an, die durch AMS-Schulungen im Hinblick auf Qualifikationen unterstützt werden

Das Ausmaß an arbeitslosigkeitsbedingter Neuorientierung wird durch die jeweils individuellen Umstände mitbestimmt. So geben Schulungsteilnehmende an, es gehe darum, rasch wieder einen Arbeitsplatz zu finden. Andere Teilnehmende erwarten sich vom neuen Arbeitsplatz eine Verbesserung ihrer Beschäftigungssituation: eine höhere Entlohnung, geringere körperliche Belastungen, weniger Stress, eine längere oder eben auch kürzere Wochenarbeitszeit, eine günstigere Lage der Tagesarbeitszeit, eine bessere Erreichbarkeit des Arbeitsplatzes vom Wohnort aus. Eine Gruppe von Schulungsteilnehmenden strebt überhaupt einen weitergehenden Berufswechsel an, sei es, weil sie keine anerkannte berufliche Qualifikation erworben haben, sei es, weil sie aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen ihren bisherigen Beruf nicht mehr ausüben können.

Breite des Schulungsangebotes entspricht der Vielfalt der Erwartungen von Schulungsteilnehmenden

Den vielfältigen Erwartungshaltungen von potenziellen Schulungsteilnehmenden entspricht das breite Portfolio an Schulungen, die das AMS direkt anbietet oder im Rahmen der Teilnahme an Maßnahmen des freien Ausbildungsmarktes fördert. Diese reichen von Kursen, die wenige Wochen laufen, bis zu mehrjährigen Ausbildungen, die zu einem zertifizierten Abschluss führen.

Keine Garantie für die Erfüllung der Erwartungen, ...

Die Teilnahme an einer Schulung ist kein Garant dafür, dass sich rasch ein neuer Arbeitsplatz findet oder dass dieser alle Erwartungen erfüllt. So hat eine repräsentative Stichprobe von Schulungsteilnehmenden, denen es gelungen war, innerhalb von drei Monaten nach Beendigung der Schulung einen Arbeitsplatz zu finden, folgende rückblickende Einschätzung abgegeben: Rund die Hälfte meint, die Schulung hätte wesentlich zur Beschäftigungsaufnahme beigetragen. Ebenfalls rund die Hälfte gibt an, insgesamt mit dem neuen Arbeitsplatz zufriedener zu sein als mit der vorausgegangenen Beschäftigung; unter Frauen liegt der Anteil etwas höher als unter Männern.

... auch wenn Inhalt und Dauer der Schulungen von den Teilnehmenden selbst ausgewählt werden

Das Risiko für die schulungsteilnehmenden Jugendlichen, Frauen und Männer, sich in ihren Erwartungen enttäuscht zu sehen, ist auch dann nicht auszuschließen, wenn sie Art und Länge der Schulung selbst ausgewählt haben, was ein Drittel der Teilnehmenden rückblickend angibt. Rund die Hälfte sagt, der Empfehlung des AMS gefolgt zu sein. Jede siebente Teilnehmerin/jeder siebente Teilnehmer sieht die Wahl der Schulung als Resultat einer gemeinsamen Entscheidung mit dem AMS an. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Frauen und Männer kaum.

Abwägung der Anstrengungen und Belastungen gegenüber stabilerer Beschäftigung und besserer Bezahlung ...

Was Inhalt und Dauer der Schulung betrifft, so gilt es abzu-wägen, und zwar zwischen den mit der Schulung verbundenen Anstrengungen und Belastungen einerseits und den erwarteten Verbesserungen im nachfolgenden Berufsleben andererseits. Die Schulung stellt sich aus dieser Perspektive als eine Investition in künftige Beschäftigungsfähigkeit dar: Werden die Belastungen während der Schulung durch bessere Bezahlung, stabilere Beschäftigung und andere positive Qualitätsmerkmale des künftigen Arbeitsplatzes ausgeglichen?

... erfolgt unter hoher Unsicherheit, ...

Diese Frage ist nicht zuletzt für die beteiligten Frauen und Männer deshalb so schwer zu beantworten, weil zwar über die unmittelbar entstehenden Belastungen wenig Unsicherheit besteht, wohl aber über die in den kommenden Jahren sichtbar werdenden Verbesserungen der eigenen Beschäftigungsfähigkeit. Mit dieser Unsicherheit sind auch die BeraterInnen des AMS konfrontiert. Sie kann im Einzelfall auch nicht unmittelbar aufgelöst werden. Wohl aber lässt sich für einen Kreis von vorgemerkten Arbeitslosen, die sich auf eine längere Schulung eingelassen haben, einschätzen, ob sich diese „Investition“ langfristig gelohnt hat.

... da die Erträge höherer Beschäftigungsfähigkeit über einen längeren, in der Zukunft liegenden Zeitraum sichtbar werden

Zu diesem Zweck wurden die an einer längeren Schulung im Jahr 1999 teilnehmenden arbeitslosen Frauen und Männer über den Zeitraum 2000 bis 2010 „statistisch begleitet“ (Stichwort Verlaufsanalyse). Ein analoges Verfahren wurde für zwei weitere Personenkreise angewandt. Diese Personen hatten mehr oder minder die gleichen Voraussetzungen in die Vormerkung zur Arbeitslosigkeit mitgebracht, hatten aber dann teils nur an kürzeren Schulungen, teils an überhaupt keinen Schulungen teilgenommen; diese beiden Personenkreise „Schulung kurz“ und „keine Schulung“ dienen im statistischen Sinn als Kontrollgruppen, um die Wirkung längerer/intensiverer AMS-Schulungen beobachten zu können.

Die langfristigen Erfahrungen der Teilnehmenden an längeren Schulungen im Vergleich zu Teilnehmenden an kürzeren Schulungen

Was die zusätzlichen Anfangsbelastungen einer längeren Schulung (zwischen 182 Tagen und 365 Tagen) im Vergleich zu einer kürzeren Schulung (zwischen 28 Tagen und 112 Tagen) betrifft, haben die Teilnehmenden der längeren Schulungen im Jahr 1999 folgende Erfahrungen gemacht: Sie hatten im Vergleich zu den an kürzeren Schulungen Teilnehmenden zusätzlich 184 Tage an Schulungsanstrengungen zu bewältigen, waren 97 Tage länger in Arbeitslosigkeit, waren 55 Tage weniger in vollversicherungspflichtiger Beschäftigung, was sich in einem um 2.056,– Euro niedrigeren Jahresbeschäftigungseinkommen (ohne Sozialtransfers) niedergeschlagen hat.

Spürbare zusätzliche Belastungen im Jahr der Schulung, die allerdings durch den Bonus erhöhter Beschäftigungsunfähigkeit ausgeglichen werden

Allerdings dauerte es nur wenige Jahre, bis die gewonnene bessere Beschäftigungsfähigkeit gegenüber den Teilnehmenden an kürzeren Schulungen die zusätzlichen Belastungen im Schulungsjahr ausgeglichen hatte: Die verlorenen Beschäftigungstage im Jahr 1999 waren 2003 bereits wieder aufgeholt; in Hinblick auf das Jahresbeschäftigungseinkommen dauerte der Aufholprozess überhaupt nur bis 2001. Der Bonus einer längeren gegenüber einer kürzeren Schulung war in jedem einzelnen Jahr bis zum Ende der statistischen Beobachtung (2010) wirksam.

Aus der Sicht der öffentlichen Hand: Zusätzliche Aufwendungen im Schulungsjahr ...

Die längeren Schulungen haben auch für die öffentliche Hand einen höheren Aufwand bedeutet. Wird dieser Aufwand zu aktuellen Kosten bewertet, hat er für jeweils 1.000 Teilnehmende an einer längeren Schulung zusätzlich rund 7.635.000,– Euro an Mitteln aktiver Arbeitsmarktpolitik erfordert.

... und Entlastungen in den Folgejahren

Diesem zusätzlichen Aufwand standen Einsparungen und zusätzliche Abgaben gegenüber. Werden diese zu dem aktuellen Lohnsteuertarif und den aktuellen Sätzen für Sozialabgaben berechnet, ergeben sich über eine Periode von elf Jahren insgesamt 55.624.000,– Euro an Entlastungen; der Saldo beträgt zu Preisen 2012 und ohne Abzinsungsfaktor rund 47.989.000,– Euro.

Schlussfolgerung

Fazit: Längere Schulungen rechnen sich – für die teilnehmenden Frauen und Männer und für die Haushalte der öffentlichen Hand, aber auch für die arbeitskräftenachfragenden Betriebe, die auf eine höhere Produktivität der neu eingestellten Beschäftigten zählen können.